Seit Beginn meiner Kaffeerösttätigkeit (2017) beziehe ich Bio-Rohkaffees. Ich wollte mich 2019 schon Bio-zertifizieren lassen, habe den fertigausgefüllten Antrag aber aus Wut zerrissen. Warum? Ich begann mit Biokaffees aus Brasilien, Äthiopien und Indonesien. Irgendwann in meiner Unkenntnis als Quereinsteiger in der Branche musste ich erneut Rohkaffee kaufen. Anders als im Supermarkt hatte ich aber gelernt, dass es nicht unbedingt zu jeder Zeit jedes Produkt gibt. D.h. der Biokaffee aus Brasilien war bei den Händlern nicht verfügbar. Alternativ fand ich einen Händler, der genau einen Biokaffee aus Brasilien (ein Land das 35% des weltweit getrunkenen Kaffees produziert!!!) anbot. Aber schmeckt mir der, und hat der jene Aromen, Tastes die er haben soll? Also bestellte ich ein kleines Muster. 3 Tage später war das bei mir. Dann röstete ich es. Dann wartete ich noch einen Tag. Und dann verkostete ich dieses. Ich kam zum Schluss, dass der Kaffee von dieser Farm ein akzeptabler Ersatz für meinen ursprünglichen Brasilianischen Biokafffee war. Ich rief den Händler an und wollte ein paar Sack von den 50 Sack die laut seiner letztgültigen Liste noch vorhanden waren bestellen. Der Händler sagte: "Sorry, aber die Säcke sind schon verkauft". Ich sagte: "Wie kann das sein, bei noch so viel vorhandenen Säcken?". Er sagte: "Es gab viele Blindkäufe von Röstern die einen Biokaffee aus Brasilien brauchten, ohne dass diese überhaupt mit Mustern den Geschmack geprüft haben..... Wieder was gelernt. Also zählt das grüne Logo auf der Kaffeepackung. Der/die KundIn werden es schon deswegen kaufen. Das war nicht mein Zugang. Mein Anliegen war die Qualität (Geschmack) und auch der biologische Anbau. Und der Antrag war zerrissen, musste ich sowieso jetzt auf konventionell umsteigen... Einige Jahre später und viele nach wie vor angekaufte Biobohnen später habe ich mich - dem Marktdruck wegen - entschlossen mich doch zertifizieren zu lassen. Weil Kontrolle ist eben besser als Vertrauen. Und schließlich gibt es dann auch ein einmaliges Bio-Audit pro Jahr!
3 Bio-Audits später bin ich zugegebener-weise ernüchtert. Die von mir gewählte Biozertifizierungsstelle wird von mir aber auch von meiner Röster-Kollegin - die meine Gerätschaften mit benutzt - verwendet. Die beiden Audits - für meinen Betrieb und ihren - werden von der Zertifizierungsstelle gerne zusammengelegt. Fahrtkosten (aus dem nördlichen Weinviertel) aber gerne doppelt verrechnet. An mündliche Absprachen bezüglich Fahrtkosten (1 tatsächlich physisch angefallen heißt 1x verrechnen) erinnert sich niemand. Gesamtkosten von knappen EUR 900 für 2 Stunden BioinspektorIn-Arbeit vorort sind meiner Meinung nach etwas überhöht. Schaut man dann auf die Zertifizierungsstellen-Website merkt man, dass es sich um einen international agierenden Konzern (Aktiengesellschaft handelt. Wir sind da also schon sehr weit weg vom der aus Überzeugung arbeitenden kleinen Behördenabteilung/Unternehmen. Am Ende - so mein Eindruck - geht es ums Geschäft! So einfach den Anbieter zu wechseln geht zwar theoretisch. In der Praxis würde es aber bedeuten, dass ich bspw. sämtliche Etiketten neu drucken lassen müsste. Gibt es doch die Regel, dass unter dem Bio-Logo auch den Zertifizierungscode der Bio-Zertifzierungsstelle "AT-BIO-xxx" stehen muss. Ein Schelm der meint, dass das nicht eine bewusst eingebaute Hürde ist. Und läuft es dann bei einer anderen Zertifizierungsstelle wirklich anders?
Ich werde in Zukunft auch Bioware einkaufen. Aus dem einfachen Grund da ich der Meinung bin, auch die jetzt schon hart arbeitenden Rohkaffee Bauern haben das Recht in einer gesunden Welt zu arbeiten. Ich möchte nicht Pestizide, Fungizide, Herbizide ohne Schutzausrüstung versprühen müssen. Nein, ich möchte dies gar nicht versprühen. Und das sollen andere auch nicht. Außerdem ist der Arbeitnehmerschutz in den Ländern wo Kaffee angebaut wird sicher auch weniger beachtet als bei uns. Ich werde auch in Zukunft so wie bisher einen Teil der Bohnen als Biobohnen einkaufen. Nicht zuletzt deswegen, da ich nicht einfach ein vorhandenes Produkt mit bestimmten Taste durch andere konventionelle Bohnen gleichen Geschmacks ersetzten kann. Das geht so nicht! Ich überlege mir jedoch schon ob ich mir das Biozertifikat auch in Zukunft leisten will. Wahrscheinlich hängt es davon ab, wie angenehm oder nervig das kommende Audit bei mir abläuft! Aber vorallem hängt es davon ab, ob Kunden dies als absolute Notwendigkeit sehen, oder ob das Grundvertrauen zu Unternehmern wie mir vorhanden ist.
Wie siehst Du das? Warum Bio? Oder ist es Dir egal?

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